Liberale Pflichtlektüre

Buchrezension. Pierre Bessard, Olivier Kessler: 64 ­Klischees der Politik. Klarsicht ohne rosarote Brille. Zürich: Edition Liberales Institut, 2020.

Warum Roboter unter dem Strich keine Bedrohung für Arbeitsplätze sind, weshalb die Geldpolitik der Zentralbanken mitverantwortlich für die grossen Wirtschaftskrisen und wieso die soziale Wohlfahrt so kontraproduktiv ist wie der soziale Wohnungsbau: Die beiden Autoren haben sich aufgemacht, die 64 hartnäckigsten Klischees der Politik, unterteilt in 16 thematisch voneinander abgegrenzte Kapitel, aus liberaler Sicht zu sezieren und zu entkräften — nicht mit aus der Luft gegriffenen Thesen, sondern faktisch, statistisch, historisch belegt. Im Bereich Umweltpolitik wird beispielsweise erinnert an die desaströse Ökobilanz der DDR; 1989 wurde ein Drittel der Bevölkerung mit verunreinigtem Trinkwasser versorgt, jeder zweite grössere Fluss war biologisch tot.

Das Werk stellt verpfuschte und verschenkte Chancen seitens des Fiskus heraus, echten Mehrwert für eine Gesellschaft schaffen zu können. Oder um es in den Worten der Autoren selbst auszudrücken: «Der Staat kann keinen Wohlstand schaffen, er verteilt ihn nur um.» Doch nicht nur kann er keinen Wohlstand schaffen, er verschlimmert auch oft die Probleme, die er eigentlich lösen sollte. So leiden unter einem staatlich verordneten Mindestlohn in der Regel die Ärmsten der Armen, Quoten jeglicher Art erzeugen oft einen Bumerangeffekt und Prohibition und Verbote führen zu mehr Schwarzhandel und organisierter Kriminalität.

Das Buch liest sich dann auch stellenweise wie ein Standardlehrbuch aus der klassisch-liberalen Schule, das man jedem eingefleischten Etatisten auf den Nachttisch legen möchte, so dass sich sein Weltbild wandeln möge. Der Lerneffekt ist gerade auch für Laien unbestreitbar hoch. Liberale Grundsätze, von volkswirtschaftlichem Basiswissen bis hin zu komplexen politischen Prozessen, werden dem Leser prägnant und leicht verständlich nähergebracht. Ich hätte mir lediglich etwas mehr Biss gewünscht, das Buch kommt mitunter etwas gar brav daher.

Nicole Ruggle, Schweizer Monat

2. Oktober 2020