Das christliche Herz des Kapitalismus

Ein Gespräch an der Universität Zürich zur Verbindung zwischen Christentum und freier Marktwirtschaft.

Nachdem die vergangenen Liberalen Gesprächskreise sich überwiegend mit wirtschafts- und rechtspolitischen Themen auseinandergesetzt haben, finden nun im Herbstsemester 2014 Veranstaltungen statt, welche sich mit dem Thema «Religion und Liberalismus» beschäftigen. Robert Grözinger, diplomierter Ökonom und Autor des Buches Jesus, der Kapitalist. Das christliche Herz der Marktwirtschaft (FBV 2012) machte am 30. Oktober 2014 den Anfang. Er sprach an der Universität Zürich zum «christlichen Herz der Marktwirtschaft».

Christliche Elemente der freien Marktwirtschaft

Robert Grözingers These ist klar und provokativ zugleich: Christentum und Marktwirtschaft seien untrennbar miteinander verbunden. Diese Aussage belegt er auf zwei unterschiedlichen Wegen: Einerseits zieht Grözinger Textstellen aus dem Alten und Neuen Testament zur Hilfe, andererseits verweist er auf historische Gemeinsamkeiten im Verlaufe der letzten zweitausend Jahre.

George Reisman definierte den Kapitalismus als ein System, in dem Privateigentum an den Produktionsmitteln besteht, materielle Eigeninteressen in Freiheit verfolgt werden können und Vernunft einen zentralen kulturellen Aspekt darstellt. Diese Eigenschaften, so Grözinger, seien gerade auch in der Bibel auffindbar. So habe ein rationaler Schöpfer eine rationale Welt erschaffen, in der rationale Individuen den Fortschrittsgedanken leben und ausüben. Individualismus und Fortschritt seien zentrale Eigenschaften des Christentums. Diese Thesen seien beispielsweise in Augustinus' Werk «Gottesstaat» («De civitate Dei») deutlich erkennbar, in dem Augustinus den Fortschritt als rational beschreibt, als Ausdruck der Arbeit an unserer Welt. Fortschritt kam nach Grözinger auch schon im Mittelalter vor, wo Universitäten gegründet wurden, Erfindungen (z.B. Brillengläser, landwirtschaftliche Hilfsmittel zur Effizienzsteigerung, die mechanische Uhr) gemacht wurden und die Künste erstmals den Urheber eines Stücks in den Vordergrund stellten. Man könne darum, so Grözinger, von einer proto-industriellen Revolution des Mittelalters sprechen.

Weiter sei in der Schöpfungsgeschichte ein lineares Weltbild zu erkennen, das im Gegensatz zum zyklischen Weltbild der Antike — mit Ausnahme der Hebräer im Alten Testament — den Fortschrittgedanken erst erlaube. Die Schöpfung würde dadurch als «geplant» wahrgenommen, und nicht mehr bloss dem Zufall zugewiesen, was typisch für antike Religionen gewesen sei. Der Mensch werde darum durch Gott in der Schöpfungsgeschichte aufgerufen, die «Schöpfung zu bebauen». Dies verlange nach effizienter Arbeitsteilung, Spezialisierung und Handel — alles Merkmale des Kapitalismus bzw. der freien Marktwirtschaft.

Der Staat im Christentum

Die Bibel vertritt nach Meinung von Grözinger eine liberale Staatauffassung. Eine Steuerquote von maximal 10% sei anhand der Bibelexegese zu belegen. Die Trennung von «Thron und Altar», d.h. eine Form von Gewaltenteilung, und göttliches Recht, das dem positiven Recht der Menschen vorgeht, seien Merkmale einer staatskritischen Haltung des Christentums. Zudem fordere bereits das mosaische Recht vom König, der zu wählen sei, bestimmte Fähigkeiten und Eigenschaften, welche seine Macht beschränken sollen.

Kapitalistische Elemente in den Gleichnissen Jesu

Durch unterschiedliche Beispiele zeigte Grözinger dem Publikum auf, wie die Bibel aus liberaler Sicht gelesen werden könne. Beispielsweise verkörpere im Gleichnis des verlorenen Sohnes der reiche Kapitalist Gott selbst, im Gleichnis der Talente werde die Zinsnahme — entgegen Aristoteles und Thomas von Aquin — als nichts Verwerfliches dargestellt, im Gleichnis des barmherzigen Samariters stehe nicht die zwangsweise Umverteilung des heutigen Sozialstaates, sondern die freiwillige Hilfe im Vordergrund — wobei der Wirt sich seine lebenswichtigen Leistungen bezahlen lässt -, im Gleichnis der Tempelreinigung kritisiere Jesus nicht etwa die Geldwirtschaft an sich, der Zorn Jesu ziele vielmehr auf die (korporatistische) Kartellbildung zur persönlichen Bereicherung von Priestern und Händlern in der Tempelanlage ab, usw. usf. Eine Grenze werde jedoch dort gezogen, wo der Reichtum bzw. das Geld («Mammon») über Gott gestellt werde. Der blinde Glaube an Geld verletze, so Grözinger, die Hierarchie, welche die Bibel für weltliche und sakrale Dinge vorsehe.

Der Sozialismus als Religion

Wo früher Religionen für die spirituelle Wohlfahrt der Menschen gesorgt haben, stünden nun heute «Ersatzreligionen», wie beispielweise der Sozialismus und Kommunismus sowie der Ökologismus im Vordergrund. Diese Formen seien jedoch — anders als das Christentum — freiheits- und menschenfeindliche «Religionen», welche das Rad der Zeit zurückdrehen wollten. Anstelle linearen Fortschritts sei Rückschritt zu einem «natürlichen Ur-Zustand» die Agenda solcher Bewegungen. Die malthusianische Bevölkerungsgrenze stehe sinnbildlich hierfür.

In den Diskussionen im Anschluss an das Referat war vor allem das kanonische Zinsnahmeverbot (Thomas von Aquin) Gegenstand einer kritischen Auseinandersetzung, das nach Meinung mancher Teilnehmer zugunsten eines zyklischen Weltbilds und gegen die Linearität des Fortschritts in der Bibel spreche. Grözinger entgegnete, dass Zinsen in der christlichen Lehre an sich unproblematisch seien. Das Problem sei hingegen der Wucher. Grözinger kritisierte vor diesem Hintergrund das ungedeckte Papiergeldsystem, das inflationär wachse — und damit letztlich auch die Zinsen verzerre. Darüber hinaus wurde auch die Stellung und Rolle der protestantischen Arbeitsethik (Max Weber, Niall Ferguson) kontrovers diskutiert. In England habe nach Grözinger ein methodistischer Priester namens John Wesley durch seine Missionierungstätigkeit mehr für die Verbreitung des Kapitalismus getan, als Adam Smith durch seine theoretischen Ausführungen.

Die nächste Veranstaltung zum Thema «Christentum und Sozialstaat» findet am 20. November an der Universität Zürich mit Pfarrer Peter Ruch statt.

31. Oktober 2014